Albert Weis

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Pressetext M + R Fricke 2009

JUKKA KORKEILA: More Cum for Peace
6. Februar – 13. März 2010

Becoming a Place (Ortswerdung)

Was passiert, wenn Dinge, die uns so vertraut erscheinen, plötzlich nicht mehr fest und beständig sind, sondern sich in Prozesse des Werdens verwandeln? Wie gehen wir mit einer Ausstellung um, in der es um ein Stattfinden geht, um den kontinuierlichen Akt einer „Orts- und Situationswerdung“.

Das ist es, was man sieht, hört und fühlt. In einer Ausstellung, in und durch die Erfahrung mit den Arbeiten von Jukka Korkeila. Vielschichtige Werke – sowohl, was die Wahl des Mediums angeht, als auch ihre Kombination: einzelne Zeichnungen und gemalte Bilder, eine Vielzahl von Interventionen, Collagen und zuletzt auch eine malerische Geste auf der Wand. Zusammengenommen ergibt sich daraus ein Ganzes, das nicht allumfassend oder fertig wirkt – vielmehr wie ein Katalysator, wie ein Trampolin fürs Sehen und Denken. Immer wieder aufs Neue.

Korkeilas Installation durchbricht harmonische Ordnungsmuster. Und sie tut mehr als das: sie bessert gleichzeitig aus und führt zusammen, um wieder los zu lassen. Sie entfernt Distanz und gewinnt Nähe. In einem stetigen Hin- und Her zwischen Fernblick und Fokus aufs Detail, einem Geben und Nehmen zwischen Erwartungshaltung und Erfahrung. Sie ist eine Verzerrung, die ein klares Ziel verfolgt. Nicht um ihrer selbst Willen, sondern um mit fest gefügten Annahmen zu spielen und sie zu unterwandern, was auch in direkter Verbindung zu den Inhalten der Arbeit steht. Inhalte, die dazu verführen, uns mit solch komplexen Themen wie Identität, Sexualität, Verlust oder Scheitern, im kollektiven wie im individuellen Sinne, auseinanderzusetzen. Das Ergebnis ist eine thematische Komplexität, die eine ähnlich umfassende Formstrategie einfordert, die die einzelnen Arbeiten nicht einengt, ihnen vielmehr erlaubt zu fließen. Rauf und runter, hin und her.

Es ist nicht das, was wir unter dem Begriff der erweiterten Malerei verstehen. Korkeilas Arbeiten verleugnen weder die Praxis der Malerei, noch kümmert es sie mit anderen Ausdrucksformen zu kokettieren. Korkeila bleibt nah dran – kommt näher, vergräbt sich immer tiefer, indem er die Grenzen und Möglichkeiten der zeitgenössischen Malerei immer weiter herausfordert. Eine Praxis, die sich ihrer vielschichtigen Vergangenheit bewußt ist, ohne zuzulassen, selbst von ihr eingenommen zu werden. Das ist Malerei, Malerei als Freude und Lust eines Täters, der an seinen Tatort zurückkehrt. Und ja: das ist Leidenschaft am Verbrechen.

Es ist Zusammenprall, Konflikt und Erschütterung im physischen als auch im diskursiven Sinne mit den Mitteln der Malerei. Ein Akt des “Sowohl-als auch”, der kein Problem zu lösen, zu überwinden noch hinter sich zu lassen strebt. Der vielmehr das Dilemma genießt – das Dilemma zwischen Möglichkeit und Limitierungen der Malerei. Es handelt sich um einen Akt doppelter Verfügung, den der italienische Philosoph Gianni Vattimo mit dem Heideggerschen Konzept der “Verwindung” beschrieben hat, einem sehr nützlichen Konzept, da es keinerlei Antwort verspricht. Es ermöglicht einen Anfang, genauer genommen den Anfang eines Anfangs. Nicht irgendwo oder irgendwie, vielmehr hier und jetzt, für einen konkreten Fall, Ort oder ein Werk.

Verwindung als Erkenntnis eines unstillbaren Bedürfnisses von Erneuerung und sich erneuernder Denkprozesse: Bezüge herzustellen, eine Geschichte umzukehren, ihren Wendungen und Wirkungen zu folgen, unsere Herkunft zu verschleiern und verzerren. All diese von Zweifel begleiteten Auseinandersetzungen sollten mit Freude und Respekt geführt werden. In Korkeilas Arbeiten gibt es kaum Verzweiflung oder Zynismus. Vielmehr hängt er fest – fest im „Groove“ des Malerischen – allerdings auf eine produktive Art, die selbst lachen kann, ohne auszulachen. In einem Verhältnis zwischen Rekonvaleszenz und Resignation, das sich der eigenen Grenzen bewußt ist und gleichzeitig volles Vertrauen in die Erneuerungsmöglichkeit einer Praxis setzt.

“What we see is not what we get” (Die Dinge sind nicht so wie sie uns erscheinen). Unser Sehen und Fühlen geht über die bloße Einladung zur Teilnahme hinaus. Wir werden vielmehr zum Handeln gezwungen. Wir müssen weiter, mitgehen - in die Werke hinein. Heraus aus der Kälte der statischen Objekte in die Wärme der Ortswerdung. Hinein in die widersprüchlichen Bedeutungen und ihren eigentlichen Nutzen, auf der Suche nach einem besseren Sinn. Nicht einmal, nicht zweimal, sondern kontinuierlich aufs Neue. Wie der Täter, der zurückkommt – ganz in Hingabe und Zielgerichtetheit, dafür gewappnet, um mit verborgenen Unsicherheiten klar zu kommen. Es ist ein Vorgang des Sehens und Mitfühlens – mit der künstlerischen Arbeit – der einen Ausstellungsraum zu einem besonderen und einzigartigen Ort macht.

Mika Hannula, Januar 2010

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Press release M + R Fricke 2010

JUKKA KORKEILA: More Cum for Peace
6 February – 13 March 2010

Becoming a Place

What happens when the things we are so used to recognizing are no longer solid and fixed but have been turned into processes of becoming? How do we deal with an exhibition that is about taking-place, a continuous act of becoming a specific and particular site and situation?

This is what you see, hear and feel. In an exhibition – in and through the experiences with the works of Jukka Korkeila. Works plural – both in the choice of media but also in their combination: a few individual drawings plus paintings, a variety of interventions, collages, and, finally, even a gesture of painting straight onto the wall. This results in a whole that is not all-encompassing or finished but acts as a catalyzer: a trampoline to think and see with. Again and again.

Korkeila’s installation interrupts the patterns of harmony. But it does more than that: it simultaneously mends – bringing together in order to let it go. It removes distance but gains nearness. A constant back and forth between the larger perspective and the specific detail, a give and take between expectations and experiences. It is a distortion that serves a clear purpose. Not for its own sake, but as a way of undermining and playing with assumptions, which also relates directly to the works’ content, a content that lures us to confront such complex issues as identity, sexuality and failure or loss, collective as well as individual. The result is a thematic complexity that demands a similar strategy regarding expression, so that the works are not boxed in, but allowed to flow. Up and down, around and around.

But this is not something that we have learned to call painting in an enlarged field. Korkeila’s works do not denounce the practice of painting, nor do they bother flirting with other fields of expression. He stays close – and gets closer, digging deeper and deeper into the chances and challenges of contemporary painting: a task which does not deny its plural pasts – but does not allow itself to become captivated by them either. This is painting as the pleasure and joy of a criminal returning to the scene of his crime. And yes: it is a crime of passion.

It is a clash and a collision, a commotion of movement, in both physical and discursive space with the elements of painting. An act of ‘both-and’ that does not try to leave behind, move beyond or solve the problem. It enjoys the dilemma – the dilemma of the potentialities and shortcomings of painting. It is an act of a constant double injunction that the Italian philosopher Gianni Vattimo has analyzed with the concept of ‘Verwindung’, a concept derived from Heidegger that is very beneficial because it does not even pretend to answer anything. It provides a beginning – or more precisely, a beginning of a beginning. Not somewhere or somehow, but right here and right now, in each particular case, site or work.

This is Verwindung as a realization of a never-ending need to revisit and rethink – connecting the dots, twisting the story and traversing its turns and heartburns, distorting and dissolving our relationship to where we come from, but in such a way that this confrontation and struggle is accompanied by respect and enjoyment. There is no despair or cynical sneer in Korkeila’s works. He is stuck – stuck in the groove of painting, but in a productive way that is able to laugh with, not at. A relationship of convalescence and resignation, acceptance of ones limitations, but also a total trust in the possibility of renewing the content of a practice.

What we see is not what we get. We see and feel more, much more than just the invitation to get engaged. But we need to act. We must move on, move with it – into the works. Out of the coldness of static objects and into the warmth of the processes of becoming a place. Into the colliding connotations and the actualized use of them, searching for ways to use them well. Not once, not twice, but constantly. Like the criminal that returns – with dedication, with a sense of destination and the ability to come to terms with the embedded uncertainties. It is an act to see and to feel with, with the works when the exhibition space becomes a particular and unique place.

Mika Hannula, January 2010

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